Redemanuskript von Sven R. Dreyer zur Debatte um die Vorfälle bei der documenta 15

Kassel, 18. Juli 2022. Redemanuskript von Sven R. Dreyer zur Debatte um die Vorfälle bei der documenta 15:

“Sehr geehrte Frau Stadtverordneten-Vorsteherin,
sehr geehrte Kollegen in der Stadtverordnetenversammlung,
sehr geehrte Zuhörer,

Einerseits unterstützen wir die Documenta, da sie eine mittlerweile mehr als 60 Jahre bestehende Institution in Kassel ist, die alle fünf Jahre weltweite Beachtung für unsere Stadt bewirkt. Diese international bedeutende Ausstellung für moderne Kunst ist auch für die Wirtschaft unserer Stadt, besonders im Gastgewerbe, eine wichtige Einnahmequelle.

Andererseits hat die Documenta oft zu Kontroversen geführt, sei es das jeweilige Konzept, die dargebotenen Inhalte, oder das Missverhältnis von eingesetzten Steuermitteln zu wirtschaftlichem Nutzen.

Kontroversen bieten immer auch Chancen, die man nutzen kann.

Leider werden diese Chancen aber oft vergeben, wie die Chance zu einem kritischen Austausch über gegensätzliche Perspektiven der gleichen Konflikte bei der Documenta fifteen.

Der Grundstein für dieses Versagen wurde bereits gelegt mit der einseitigen Besetzung der Findungskommission durch die Leitung der Documenta gGmbH, an dieser Tatsache ändert auch die Trennung von Frau Schormann nichts.

Dass sich diese Findungskommission, wie auch die von ihr eingesetzte künstlerische Leitung, das Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa, den Aufgaben beim Start der Documenta in keinster Weise gewachsen erweist, dass sie nicht in der Lage war, diesen international aufsehenerregenden Skandal vorherzusehen und zu verhindern, belegt diese eklatante Fehlbesetzung.

Hätte man unterschiedliche Perspektiven auch personell bei diesen Besetzungen berücksichtigt, wäre durch eine breitere Sensibilität und umfassender aufgestellte Expertise, dieses Ereignis wahrscheinlich verhindert worden.

Dann auch noch das Angebot von Professor Mendel, die überforderten Verantwortlichen bei ihren Aufgaben mit seiner Expertise zu unterstützen und zu sensibilisieren, nur sehr zögerlich, glaubt man den Aussagen Prof. Mendels, schon regelrecht abwehrend anzunehmen, obwohl er betont habe nicht als Zensor fungieren zu wollen, ist ein weiterer Gipfel dieses Skandals.

Nun gilt es die Versäumnisse wie auch die Sache selbst aufzuarbeiten, um für die Zukunft einen Lernerfolg sicherzustellen, nicht nur was die Folgen des Ereignisses angeht, sondern auch bezüglich seiner Ursachen.

Dieses Ereignis mit einer Behandlung im Aufsichtsrat hinter verschlossenen Türen abzuhandeln, betrachten wir nicht als ausreichende Aufarbeitung.

Wir hatten einen eigenen Antrag vorbereitet, aber aufgrund der geänderten Antragssituation (der SPD-Antrag wurde zurückgezogen, der Antrag von CDU, Grünen und FDP wurde durch drei magere Zeilen ersetzt) auf einen Antrag zur Erweiterung der Tagesordnung verzichtet. Wir erwarten, dass eine umfassende Aufarbeitung nicht unterbleibt. “Cancle Culture“ kann einen kritischen Disput und die Erkenntnis daraus nicht ersetzten.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die Würde des Menschen, wie die Freiheit der Kunst als Grundrecht im Grundgesetz deklariert und nicht verhandelbar ist, ebenso, dass niemand wegen seines Geschlechts seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen wegen benachteiligt oder bevorzugt werden darf, wie es der Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes vorausschauend formuliert.

Die Menschen, die diese Regeln damals in unser Grundgesetz geschrieben haben, die international ähnliches in der Charta der Vereinten Nationen und der UN Menschenrechts-Charta inhaltlich festhielten, blickten zurück auf ihre Erfahrungen mit der vorangegangenen Katastrophe und den Eskalationsmechanismen, die dazu geführt haben. Wir wollten ihre Lehren ernst nehmen und einer Wiederholung der Fehler im Umgang mit dogmatisierter Menschenverachtung entschieden entgegentreten, auch und insbesondere im Fall von Antisemitismus.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.”

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